Unabhängigkeitserklärung

 

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren… ”

Unabhängigkeitserklärung

 

Liebe Vereinigten Staaten von Amerika, 

ich habe euch geliebt, lange Jahre, sogar schon, bevor ich euch das erste Mal besuchte. In einem meiner Pixie-Büchlein, die ich beim Topfschlagen bei einem Kindergeburtstag gewonnen hatte, war eine Illustration von New York, in der ein Polizist bei der glühenden Sommerhitze der Stadt einen Hydranten aufgedreht hatte und Kinder sich in dem Wasserstrahl erfrischten https://www.ansichten.me/blog/dampf-und-wasser. Ich konnte damals nicht ahnen, dass ich viele Jahre später tatsächlich einmal in dieser aufregenden Stadt für einige Zeit leben würde https://www.ansichten.me/blog/3mb3wllsa1qujmrmhgeyotcokhveeu, genauso wenig, wie ich mir beim Durchblättern meines Lieblingsbildbands vorstellen konnte, die riesigen und geheimnisvollen Sequoias der Westküste jemals zu erleben. Meine allererste Reise führte mich nach Californien. Ja, im Deutschen schreibt man es mit K, und das finde ich, wird diesem Staat nicht gerecht. Das „C“ ist schon eine Verheißung von Andersartigkeit, Leichtigkeit, großzügigem Schwung. Ich erinnere mich an Fahrten im Sommerwind in einem alten 124 Fiat Spider Cabriolet auf der Küstenstraße in den Norden. Mein erstes Mal Zelten. Die Zeltplätze der Nationalparks waren magisch, stets waren die schönsten Zeltplätze in der ersten Reihe auf die schönsten Ausblicke, der Nachbar kaum zu sehen, da es wirkliche Naturplätze waren. Abends waberte der Rauch von Lagerfeuern durch die hohen Baumstämme, es roch nach Zedernholz und Steaks. Morgens schnippte ich den Tau vom Zelt und auch die eine oder andere „banana slug“, bevor es im Morgengrauen auf einzigartige Wander-Trails ging, einmal hoch zum Half Dome in Yosemite, vorbei an tollen Wasserfällen, später auf der Reise auf dem großartigen Tonka-Trail durch den Grand Canyon. Die Freiheit schien grenzenlos. 

Aber dass nicht alles nur großartig war, lernte ich schnell auf der Recherche zu zwei Studienarbeiten, besonders der, die sich mit dem schnell wachsenden Silicon Valley beschäftigte und den Auswirkungen auf die Siedlungsstrukturen. Da stand plötzlich das unschöne Wort vom „social zoning“ im Raum. Da Kommunen ihre eigene Steuer festlegen, können sie durch eine entsprechende Steuer nicht nur die Lebensqualität mit besseren Schulen und Krankenhäusern entscheidend verbessern, sondern vor allem auch verhindern, dass Menschen mit geringerem Einkommen dort wohnen können. Mir wurde bewusst, dass das amerikanische Versprechen von Freiheit und dem Traum von einem besseren Leben nicht für alle gilt. Eine scharfe Trennungslinie durchschnitt (damals) Palo Alto mit der Stanford University und den angehenden Tech-Firmen auf der einen Seite und East Palo Alto auf der anderen. 

Trotzdem – die amerikanischen Nationalparks und dazwischen immer wieder die ein oder andere Universitätsstadt blieben die Sehnsuchtsziele der Sommerferien. In unserem kleinen Iglu-Zelt waren bald die Kinder dabei, ihre kleinen Schlafsäcke, Wanderschuhe und Regenjacken wurden günstig bei einer Kooperative für Camping-Bedarf gekauft, wie auch schon unsere Sachen in den Jahren davor. Die Mitgliedskarte existiert immer noch und wurde über die Jahre gut genutzt. Auf den Zeltplätzen lernten die beiden, wie man Waschbären vom Grill wegscheucht, dass man auf gar, gar keinen Fall Essbares im Zelt haben darf, und sie lernten, wie man Möhren schält, Zwiebeln schneidet und auf einem WhisperLite-Stove erst die Kartoffeln kocht, diese dann in einem Badetuch warmhält, dann das Gemüse und schließlich zwei Steaks („Pay one, take two“) in der Pfanne brät. Sie lernten, auf Englisch beim Nachbarszelt nach Salz oder Pfeffer zu fragen, wurden von zwei Rockern auf ihren schweren Motorrädern einmal rund um den Platz gefahren und bekamen anschließend die Waffen, die sie unter dem Sitz hatten, gezeigt (Huch!), lernten eine Familie kennen, die in einem alten Schulbus durchs Land fuhr und die Kinder per „Home Schooling“ unterrichtete. Es war unseren Kindern schnell klar, dass diese Kinder zwar ein abenteuerliches Leben hatten, aber regelrecht ausgehungert nach sozialen Kontakten zu Gleichaltrigen waren. 

Sie rodelten im Central Park in New York, buddelten sich am Strand in Florida in den Sand und staunten an der Ostküste über die einzigartigen Horseshoe Crabs, die seit 300 Millionen Jahren unverändert die Meere bewohnen. 

Wir besuchten Freunde in San Francisco, Chicago, Seattle, wohnten in deren zum Teil riesigen Häuser und aßen Tacos, Brisket, Lobster. Riesige Portionen, wie auch immer in den Restaurants. Von der fetten Pizza am berüchtigten Vergnügungs-Pier 39 in San Francisco wurde uns schlecht, obwohl wir das Fett erst einmal abtropfen ließen. Der Lärm tat ein Übriges, Ruhe fanden wir im San Francisco Museum of Modern Art vor einem Gemälde von Mark Rothko. Überhaupt, die Kunst: Ansel Adams, der großartige Fotograf, machte mir nicht nur bewusst, wie wunderschön die Natur in Schwarzweiß aussehen kann, sondern formte meinen fotografischen Blick. Edward Hopper lenkte meinen Blick auf das unglaubliche Licht, welches mir zuletzt in unserem Apartment in Harlem fast jeden Abend begegnete. Ich vermisse das fast am meisten. Georgia O’Keeffe war eine beeindruckende Künstlerin, deren Werke mich im Guggenheim Museum in New York beindruckten. Robert Mapplethorpe, Ernst Haas und Vivian Maier haben mich geprägt. Ich liebe Jazz, ich sehne mich nach den vielen Möglichkeiten, in New York Musik zu hören. Und ich vermisse die etwas älteren Wagen der C-Linie in der Subway von Manhattan, die mit den ersten vier Tönen aus dem Dreiklang aus „Somewhere“ aus „West Side Story“ von Leonard Bernstein anfahren. 

Immer wieder bekamen wir tiefe Einblicke in die großartige Wissenschaft. In einem Sommerlabor an der Küste Maines durfte die Kinder sogar beim Säubern eines Beckens mit Katzenhaien helfen und die Haie in der Hand halten. Erlebnisse wie diese spielten sicherlich auch eine Entscheidung für spätere berufliche Entscheidungen. Für mich war ein Höhepunkt der Besuch des California Science Centers. Ich stand voller Ehrfurcht vor den ungefähr 24.500 rußgeschwärzten Kachelfliesen, dem Hitzeschild des Space Shuttle Endeavour.

Irgendwann musste die Entscheidung fallen, ob die Kinder ein High School-Auslandsjahr machen sollten. Sie fiel eindeutig aus: Ja, aber definitv nicht in den USA. Warum? Weil ihnen natürlich aufgefallen war, dass sie dort niemals in eine attraktive Stadt wie San Diego oder Boston gekommen wären, sondern aufs Land. Und das hatten sie zu gut kennengelernt: Die einsame Tankstelle mit karg bestücktem Supermarkt im Hinterland, in dem der Besuch der evangelikalen Sonntagsschule den Höhepunkt der Woche darstellen würde. Die Einsamkeit kann dort groß sein, wo der nächste Nachbar meilenweit entfernt lebt. Und christlicher Glaube, auch das war auf allen Reisen klar geworden, wird dort anders gelebt als in Deutschland, enthusiastischer, mit mitreißenden Gospelgesängen, einem Werbeblock für Kirchensponsoring mitten in der Predigt, aber auch weniger kritisch, wenig weltoffen, dafür ungeahnt einseitig politisch. 

Inzwischen sind Jahre vergangen. Deine Unternehmen, besonders die aus dem damals so sympathischen Palo Alto, sind groß geworden, und sie sind hungrig nach mehr. Steuern zahlen für das Gemeinwohl ist immer noch etwas, was dem Gedanken an Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, Selbstverantwortung der Einzelnen widerstrebt. Das sieht man der müde gewordenen Infrastruktur an. Deine Straßen und Highways bröseln, die Einrichtungen der Nationalparks sind alt geworden, das Fernwärmenetz in Manhattan ist chronisch undicht und dampft vor sich hin. Öffentlicher Nahverkehr wird außerhalb New Yorks nur von den armen Seelen genutzt, die sich kein Auto leisten können https://www.ansichten.me/blog/fiirx46b8ckklgqgixpshnd3mr5nvn. Eine schwere Krankheit eines Familienmitglieds, und die ganze Familie kann obdachlos werden, schläft ab da in einem Ford-Pickup auf einem Parkplatz. Waffengewalt ist das Erschreckendste für uns Europäer. 2023 und 2024, als wir in New York lebten, gab es in den USA jeweils 19.135 bzw. 16.725 Tote durch Schusswaffen. Jeder Einzelne ein Toter zu viel, ebenso wie die 2996 Menschen, die am 11. September 2001 starben, dem Tag, als unser aller Herzen schwer waren, und der uns heute noch traumatisiert zurücklässt. Ich weiß ganz genau, was ich an dem Tag gemacht habe, als mich die Nachricht erreichte. Aber ab da galt eine neue Zeitrechnung. Der erste Anschlag auf amerikanischem Boden hat Vieles verändert.

Liebes Amerika meiner Träume, meiner Urlaubsfluchten aus dem deutschen Alltag, 

wir kennen uns jetzt schon lange sehr gut. In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, dass du mich auch sehr viel besser kennenlernen möchtest. Du willst mehr wissen, was ich denke, schreibe und lese. Du möchtest meine E-Mail-Adressen und Social Media-Kontakte. Und ich fühle mich plötzlich kontrolliert, wie wenn in einer langen Freundschaft oder Ehe der andere plötzlich das Handy des Partners durchschnüffelt. Das muss nicht sein, ich halte viel von Vertrauen. Und wenn die ganze Großartigkeit echt ist, solltest du auch ein wenig Kritik aushalten, so macht man das, wenn man souverän ist. Souveränität ist übrigens die Selbstbestimmung, die Unabhängigkeit, zu deren 250-jährigen Jahrestag ich dir gratuliere. Ich wünsche dir diese unfassbare Lässigkeit wieder zurück, verbunden mit dem Wunsch, dass die vielen tollen Menschen, die ich dort in langen Jahren kennengelernt habe, wieder ein gutes Miteinander haben. Dass Gemeinschaft zählt, dass die Menschen füreinander einstehen, ungeachtet der Hautfarbe, der Religion oder der politischen Meinung. Gemeinschaft ist etwas Wichtiges. Ich habe damals, als ich das erste Mal von Californien (sic!) zurückkam, gerne den „Oregon Trail“ auf meinem ersten Macintosh gespielt. Aufgabe des Spielers war es, sich um die Versorgung des Trecks zu kümmern, damit niemand verhungerte. Man musste zwischen dem Risiko einer schnelleren oder gefährlicheren Reise und dem Verlangen nach Erholung und Verpflegung für die ganze Siedlergruppe unterscheiden. Spoiler: Ich bin kein einziges Mal angekommen. In Deutschland gibt es ein Sprichwort, und das sagt: Eine Kette ist immer so stark, wie ihr schwächstes Glied. Auch hier vergessen wir es gerade wieder in einer Debatte über Sparmaßnahmen im sozialen Bereich, besonders bei der Kinder- und Jugendhilfe, Bildung, Inklusion und Pflege. Menschenwürde hängt nicht davon ab, ob sich ein Mensch rechnet. Menschenwürde muss für alle gelten, das hat Deutschland in seiner Geschichte (hoffentlich) gelernt. Ich wünsche dir, liebe Vereinigte Staaten von Amerika, alles Liebe und Gute für die nächsten Jahre. Und ich hoffe, dass du bald wieder bereit bist, dass ich dich besuchen kommen kann und möchte, denn ich vermisse dich. 

 

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New York. Ansichten. 

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