Auch große Weihnachtsbäume werden mit der Subway transportiert.
Mitte November wird es langsam winterlich. Die Kürbisse, die noch von Halloween übrig geblieben sind, verschwinden, landen auf den Bürgersteigen, wo sie vermutlich nachts von den New Yorker Ratten beknabbert werden. Inzwischen werden in der Stadt an immer mehr Straßenkreuzungen Weihnachtsbäume verkauft. Sie sind, wie eigentlich alles hier, recht teuer.
Von unserer Wohnung in Harlem konnte ich zu Fuß in die City laufen und dabei drei einzigartige Schlittschuhbahnen inspizieren - den Wollman Rink im Central Park, die Bahn vor dem Rockefeller Center (fand ich etwas klein, zu teuer) und im Bryant Park (kostenlos, nur das Schlittschuhe-Leihen kostet etwas). Auf allen Bahnen herrschte munteres Getümmel, auf der Bahn im Central Park kann man manchmal sogar einer Formation Eistänzer beim Proben zuschauen. Rund um die Bahn in Bryant Park stehen die Buden vom Weihnachtsmarkt mit leckeren Kleinigkeiten aus verschiedensten Nationen zum Futtern, vieles davon heiß undfettig, aber verführerisch duftend. Es gibt dort kleine Geschenke, viel Handgemachtesund Selbstgedrucktes zu kaufen.
Mit dem Essen auf der Hand kann man sich gut ein sonniges Plätzchen an der Eisbahn suchen und den Schlittschuhläufern zuschauen - viele machen erkennbar die ersten Schritte auf Eis.
Im Winter verbringen viele Obdachlose den Tag in der U-Bahn, schlafen in den Gängen oder fahren einfach stundenlang in den Wagen mit, denn in der U-Bahn ist es warm und geschützt.
Immer noch gibt es hier und da warme Tage, an denen man mittags im T-Shirt in der Sonne sitzen kann, aber generell ist es kühler und windiger geworden.
AmRockefeller Plaza wird der Weihnachtsbaum einige Wochen vor Weihnachten schon aufgerichtet. Wenn kein Weihnachtsbaum steht, kann man im Boden an der Stelle immerhin die schöne metallene Abdeckplatte sehen, unter der sich die Halterung verbirgt, in die der Baum eingelassen wird. Der Baum wird lange Zeit vorher von Scouts ausgesucht. Über die nächsten Tage werden insgesamt 50.000 Lichter an den Baum gehängt und die Zone um den Baum wird abgesperrt, einerseits sicherlich, damit das Gedrängel an diesem besonderen Ort beherrschbar wird, andererseits bietet es sich natürlich an, auch hier ein Geschäft aus dem Ganzen zu machen und Fotos direkt vor dem Baum gegen einen üppigen Preis zu verkaufen.
Ist diese Schaufenster-Dekoration nicht einfach typisch New York?
Direkt gegenüber vom Rockefeller Center steht das Kaufhaus Saks und bringt Jahr für Jahr, wie viele große Markenniederlassungen in der Stadt, eine aufwendige Weihnachtsdekoration an der Fassade an und schmückt die Schaufenster. An Weihnachten 2023 war die Dekoration ganz besonders zauberhaft, wie ein Kind habe ich mir jedes jedes Schaufenster ganz genau angesehen, mit seinen zauberhaften Miniaturwelten, Modellen eines weihnachtlichen New York und Paris im Schnee. Die Dekoration war dem Modeschöpfer Christian Dior gewidmet, und so sah man ihn in Miniaturwelten unter Glaskuppeln an seinem Schreibtisch in einer Pariser Wohnung sitzen, im Schnee an den Bouquinisten an der Seine vorbeispazieren, beim Blumenkauf an einem Stand vielleicht am Montmartre. Und dann Schnittmusterbogen, Entwürfe und kleine Modelle der von ihm entworfenen festlichen Roben. Mal sind die Welten farbig, mal nur aus weißem Papier gebaut und von Innen erleuchtet. Ich schaue und schaue und staune. Am meisten fasziniert mich ein großes Schaufenster mit einer ganzen Pariser Straßenecke und einem Gebäude, in das man hineinschauen kann. In der Schaufensterscheibe spiegelt sich das Rockefeller Center im Abendlicht und wird so zum Hintergrund der Pariser Straßenszene. In einem anderen Schaufenster umrundet ein Skilangläufer in endlosen Runden den verschneiten Bethesda-Brunnen im Central Park. Hier werden wirklich alle Träume von einem romantisch verschneiten New York wahr. Besonderen Humor beweisen die Erbauer dieser Welten bei dem Schaufenster, in dem ein kompletter Nachbau des Kaufhauses Saks aufgebaut ist, es liegt Schnee, kleine Modell-Menschen jonglieren Stapel von Geschenken auf ihren Armen oder tragen Tüten, und direkt vor dem Eingang des Kaufhauses befindet sich eine typische New Yorker Straßenbaustelle, abgesperrt mit den orangen Cones, hölzernen Gattern und etwas Flatterband, genauso improvisiert und lästig im Wege stehend, wie man es von tausenden echten Baustellen in New York kennt. An den Samstagen ist es nun Downtown brechend voll, auf den Bürgersteigen kommt man kaum vorwärts, die Fifth Avenue wird für den Autoverkehr gesperrt und komplett mit Fußgängern verstopft. Ab und zu kommt man an „Weihnachtsbögen“ vorbei, wie Rosenbögen in Parks, nur hier aus Tannenzweigen auf dem Bürgersteig stehend, sie laden zu Selfies ein und wenn man vorbei geht, wird aus kleinen Düsen Zimtgeruch gesprüht.
So ähnlich sah es im Winter bei uns in Harlem aus.
An den vier Adventssonntagen kann man etwas ganz Besonderes für den Preis eines U-Bahn-Tickets erleben: einen historischen U-Bahn-Zug, der „Holiday Nostalgia Train“, acht Wagons aus den 1930er Jahren, die bis 1970 regulär in Betrieb waren.
Gespannt warten wir auf die Ankunft in unserer Station. Endlich zeichnen sich im Tunnel viel dunklere Scheinwerfer als normalerweise ab, und die dunkelgrünen Wagons rollen ein. Die Fenster sind beschlagen, die Wagons voll mit Passagieren. Ich steige ein und schaue mich neugierig um: Über unseren Köpfen rotieren Ventilatoren, dennoch ist die Luft viel zu warm und schwitzig feucht. Oberhalb der altmodischen Schiebefenster hängt Werbung aus den 30er Jahren. Im Gedr.änge entdecke ich Frauen und Männer, in Kleidung der 30er Jahre gekleidet, braune Mäntel, die Herren tragen Hüte, die Frauen eine „Pillbox“ mit einem Netzschleier vor den Augen oder einen Fascinator. Ein Fotograf, gekleidet wie ein Reporter in einem Vorkriegsfilm, schwirrt mit historischer Kamera umher und macht Bilder von den besten Motiven. Leute streichen mit der Hand über die Sitzpolster aus Rattangeflecht, betrachten fasziniert die Beleuchtung, die zwischendrin ab und zu einfach ausfällt, sie lesen die alte Werbung und die Sicherheitsvorschriften. Trotz des Gedränges sind alle fröhlich, freundlich und festlich gelaunt. Als wir an unserer Station ankommen, strömen in den Gängen dort schon etliche als Weihnachtsmann oder -frau verkleidete Menschen umher. Sie sind auf dem Weg zur „Santa Convention“, einem App-gesteuertem Ereignis, zu dem man zu bestimmten Zeiten in bestimmten Bars und Restaurants eine ganz besondere „Happy Hour“ mit vielen Gleichgesinnten erleben kann. An diesem Tag sehen wir Hunderte Verkleidete. Zwischendurch hört man immer wieder fröhlichesGeklingel und Weihnachtslieder: Das sind die Freiwilligen der Salvation Army. Sie stehen vor Kaufhäusern wie Macy’s oder dem Rockefeller Center, an Plätzen und Parks und verkaufen Lose, lassen Glücksräder drehen und sammeln Geld für ihre Projekte, die seit über hundert Jahren den Ärmsten der Stadt helfen, Obdach geben und Essen verteilen.
In unserer Nachbarschaft in Harlem konnten wir am sonntagabends im Eingang des Apollo Theatre Gospelsänger Weihnachtslieder singen hören, stimmungsvoll und wunderschön.
Tipps:
Die meiner Meinung nach schönsten Weihnachtsmärkte findet ihr hier:
Bryant Park (gutes Essen, viele handgemachte, künstlerische Geschenke, Blick auf die Eisbahn, mittags oft Sonne)
Central Park vor dem Süd-West-Eingang, klein, aber fein
Union Square (recht groß, aber eine gute Auswahl an Ständen)
Mein Highlight:
Der „Holiday Nostalgia Train“, acht Wagons aus den 1930er Jahren, die bis 1970 regulär in Betrieb waren. Infos über die genaue Route und die Abfahrtszeiten findet ihr hier:
https://www.nytransitmuseum.org/holiday-nostalgia-rides/
Eisbahnen:
Wollman Rink (im Süden vom Central Park)
Rockefeller Center (relativ klein)
Bryant Park
Brookfield Place (zwischen dem Hafen und dem Shopping Center)
Gottesman Rink at the Davis Center (relativ neu, ganz im Norden des Central Parks am Harlem Meer)
Seid ihr neugierig geworden? Möchtet ihr mehr über New York erfahren, und darüber, wie es ist, wenn man dort wirklich eine Zeit lang lebt? Ich bin 2000 Kilometer zu Fuß durch die Stadt gegangen, und mehr von dem, was ich dort erlebt und fotografiert habe, findet ihr in meinem Buch
New York. Ansichten ISBN 9789403837727
Ihr bekommt mein Buch im Buchhandel z.B. hier
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Viel Vergnügen und gute Unterhaltung beim Lesen!